Vortrag von und mit F. Mohrhof (Café Libertad, Hamburg) am Freitag, 3.Februar, 19.30 Uhr in der Bürger_innen_wache, R 07, Siegfriedplatz, Bielefeld
Kollektiv-Genossenschaften als Modell für einen konstruktiven Sozialismus?
Genossenschaften sind historisch gesehen Notwehr- und Selbsthilfe-Organisationen gegen die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiterklasse.[1] Sie waren und sind gleichzeitig eine Perspektive für eine bessere, eine sozialistische Gesellschaft. Da die traditionellen Partei-‚Schulen des Sozialismus’ als Kampforganisationen gegen den Kapitalismus längst auf dem Misthaufen der sozialistischen Geschichte gelandet sind, geht es hier um die Frage, ob Kollektiv-Genossenschaften diese Aufgabe heute übernehmen können.
Als Anarchosyndikalist bin ich davon überzeugt, daß eine grundlegende soziale Veränderung nur durch die vollständige Überwindung der kapitalistischen wirtschaftlichen Verhältnisse erfolgen kann. Für den rein politischen Kampf haben wir keine Zeit, er kostet zu viel Energien, da er die Akteure der Arbeiterklasse vornehmlich auf den parlamentarischen Kampf festlegt und außerparlamentarische direkte Aktionen allein als Hilfsmittel für eine demokratisch-legitimierte Gesellschaftsveränderung ansieht. Da wir eine Überwindung des Kapitalismus wollen, muß dieser an seiner Wurzel zerstört werden und kann nicht durch eine andere Politik im Kapitalismus niedergerungen werden.
Hier ein schönes Karl Marx-Zitat, das auf dieses Thema aufmerksam macht:
„Wir anerkennen die Kooperativbewegung als eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft, die auf Klassengegensätzen beruht. Ihr großes Verdienst besteht darin, praktisch zu zeigen, daß das bestehende despotische und Armut hervorbringende System der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das republikanische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten.“ [2]
Für Marx war die Produktiv-Genossenschaftsbewegung also eine ‚Schule des Sozialismus’, gleichberechtigt neben den Gewerkschaften, die er als „unumgänglich für den täglichen Guerillakrieg zwischen Kapital und Arbeit“ [3] ansah.
Doch in der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter~innenbewegung war es üblich, nach kollektiven Beschlüssen über die Ausgabe von Anteilsscheinen z.B. die Gründung einer Tageszeitung, einer Wohnungsbau-, Konsum- oder auch einer genossenschaftlichen Brauerei zu zeichnen. So wurde das Kapital dieser Gründung für die Arbeiterbewegung aufgebracht. Sie planten dabei keine Arbeiterselbstverwaltung, vielmehr übergaben die Arbeiter~innen das gesammelte Geld ihren Partei- oder Gewerkschaftsfunktionären, die damit ihre eigene Stellung in der Hierarchie der Bewegung festigten und ausbauten. Insgesamt funktionierte das in allen Bewegungen der alten Sozialdemokratie: Partei – Genossenschaften – Gewerkschaften – Arbeitersportbewegung.
[1] Robert Owen gilt als Begründer der modernen Genossenschaftsbewegung. 1799 begann er in seiner Baumwollspinnerei in Schottland ein Experiment für menschenwürdigere Arbeits- und Lebensbedingungen. Dadurch entstand die erste eigenständige Arbeiter-Genossenschaft 1844, die von 28 Arbeitern der dortigen Baumwollspinnereien gegründet wurde. Die Rochdale Equitable Pioneers Society war eine Einkaufsgenossenschaft und sollte niedrigere Lebensmittelpreise ermöglichen.
[2] Karl Marx, „Forderungen der IAA“, MEW 16, 195
aus: barrikade #6; weiterlesen: www.anarchosyndikalismus.de.vu/
siehe dazu auch
Themenabend der FAU Bielefeld
am Montag, 30.01.2012, ab 19.30 Uhr:
Genossenschaften – eine vergessene Seite der Arbeiter/-innenbewegung?
in der Bürger_innen_wache am Siegfriedplatz, Rolandstr. 16, Raum 102